Leserbrief von Paidosophos zu den ersten Ober-Ramstädter Zukunftstagen 17./18. November

Von verbrennenden Geigen über Geldlaboratorien zu einem neuen Verständnis von Gemeinschaft und Arbeit…

Da ich, als Selbstständige in dem weiterstädter Bildungsunternehmen Paidosophos, immer auf dem aktuellsten Stand der Forschung sein muss, besuche ich regelmäßig Fachtagungen zu innovativen Bildungsbestrebungen, die die Gesamtgesellschaft im Auge hat. So war ich innerhalb eines Monats auf vier Fachtagungen und den Ober-Ramstädter Zukunftstagen. Hiermit ziehe ich mal Bilanz. Die meisten dieser Fachtagungen haben nicht das gehalten was sie versprochen haben (u.a. der Diversity Kongress in Berlin) deswegen bin ich mit sehr gemischten Gefühlen auf die fünfte Tagung, die Zukunftstage in Ober-Ramstadt, gekommen und wurde durch die Bank weg verblüfft mit starken Ideen deren Zeit nun gekommen war. Mit einem fruchtbaren Referentenpool (Frithjof Bergmann, Margrit Kennedy, Susanne Wiest, Gerd Wessling) und einem Workshop mit Frithjof Bergmann am zweiten Tag wurde das Thema: „Arbeit und Geld in der Zukunft“ kritisch und ehrlich von vielen Perspektiven beleuchtet. Bergmann (www.neuearbeit-neuekultur.de) spricht von dem derzeitig jungen Jobsystem, das nicht älter als 200 Jahren ist, wie von einem Veränderbaren. Kennedy verbindet Arbeit mit dem zerstörenden und perfiden Finanzsystem. Die Veränderungen von Arbeits- und Finanzsystem können nur wir Einzelne (nach Wiest) herbeiführen indem wir die Veränderung leben (ein motivierendes Beispiel bekamen wir von Wessling). Bergmann beschreibt uns Deutsche zusammen mit den restlichen westlichen Ländern als „Oasenmenschen“, die wenig Verständnis für die in Mehrheit befindlichen „Wüstenmenschen“ haben, die allerdings 80% der Menschheit repräsentieren. Während die 20% Oasenmenschen „die Geigen verbrennen“, die Kultur verbrennt, und damit die Lebensqualität auslöschen, um die Wirtschaft am Leben zu halten, sind die Wüstenmenschen sich nicht so einig. Uns wird das Wachstum der Wirtschaft offiziell als das einzigste Rezept verkauft, um weiter zu machen wie gehabt. Eine Alternative, eine andere Wirtschaft darf hierbei nicht gedacht werden. Die Arbeit der Zukunft ist für Bergmann gedrittelt. Der Grundwirtschaft (community production) widmet man sich 10 h in der Woche, diese Zeit reicht, um alles Herzustellen, was wir grundlegend brauchen. Der Lohnarbeit(new work enterprises) widmet man sich auch 10h, in dieser Zeit arbeitet man ausschließlich für andere. Die Hälfte der Arbeitszeit in der Woche (20h) sollte nur eine Arbeit ausgeführt werden, die wir „wirklich, wirklich“ wollen. Diese Arbeit ist für uns eine Berufung, sie baut uns auf und gibt uns in unserem Leben ein Ziel. Margrit Kennedy betont die Chance die regionale Währungen (z.B. der REGIO, www.hessen.der-regio.de) bringen. Diese Geldlaboratorien müssen genutzt werden, um einen neuen Umgang mit Geld zu lernen. 3Mio€ werden pro Tag zurzeit in Brüssel ausgegeben, damit sich nichts an dem jetzigen Geldsystem ändert. Das Geld ist ein Subsystem, deswegen ist es umso schwieriger die Zusammenhänge zu durchschauen. Exponentielles Wachstum führt immer in den Tod, der Josefpfennig ist hierfür ein sehr imposantes Beispiel. Kennedy spricht sich für ein zinsfreies Wertsystem aus und führt Beispiele aus der Vergangenheit an, damit nicht 10 % von den Zinsen profitieren, die 90% bezahlen müssen. Susanne Wiest arbeitet an einem veränderten Arbeitsbegriff, der auf neuen Prinzipien der Gemeinschaft basiert. Zusammen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ist die Pflicht verbunden dieses Recht jedem zuzubilligen. Dieser Pflicht kann sich keiner entziehen. Eine größtmögliche Autonomie im Einzelnen soll auf der Basis der Gemeinschaft geschaffen werden, das wäre die gelebte Diversity, die ich in meiner vorherigen Tagung vermisste. Mangelnde Eigeninitiativen sind Produkte unseres derzeitige Drucksystems die allein uns zur Arbeit drängen soll. Deswegen proklamiert Wiest „regiere dich selbst!“ denn „Es bedarf der Organisation und nicht der Regierung.“ Und „Wenn ich mir meiner Macht nicht durch das Machen bewusst bin, haben andere Macht über mich.“ Das Machen in einer Gemeinschaft ist auch für Gerd Wessling ganz wichtig. Die Organisation Transition-Town krempelt eingefahrene Denk- und Wirtschaftskulturen um, führt Permakulturen ein und erinnert an vergessenes Handwerk. Zudem steigt die Lebensqualität dramatisch während der Ressourcenverbrauch kontinuierlich abnimmt. Es sollte immer im Sinne von Städten sein einer Vereinigung einen Platz und einen Raum zu geben, wo sie etwas ausprobieren kann, was die Stadt allein nicht machen darf. Jeder der Referierenden lebte sein Konzept und sprach nicht nur davon. Genau diese wunderbare Symbiose versuchen wir auch auf unserer letzten Buchmesse „Philosophieren“ in diesem Jahr am 10.12. im Elisabethenstift am AfW zu schaffen. Für Paidosophos, Birgit Becker

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